Letzte Woche hab ich wieder einen gesehen, der auf einem Altschneefeld oberhalb der Lucknerhütte ins Rutschen kam. Zum Glück ist nichts passiert – das Feld flachte unten ab. Aber der Schreck saß ihm sichtlich in den Knochen. Seine Steigeisen? Lagen unten im Rucksack.
Diese Szene spielt sich jeden Sommer hundertfach ab in den Alpen. Deshalb will ich heute mal aufschreiben, was ich in über zwanzig Jahren am Berg über Steigeisen gelernt habe.
Wozu das Ganze überhaupt?
Steigeisen sind im Grunde simple Dinger. Ein paar Metallzacken, die du dir unter die Schuhe schnallst, damit du auf hartem Schnee und Eis nicht wegrutschst. Die Zacken krallen sich ins gefrorene Zeug und geben dir Halt, wo normale Bergschuhe nur noch hilflos scharren.
Klingt erstmal logisch. Das Problem ist: Viele denken, Steigeisen wären sowas wie ein Allrad-Antrieb – einmal dran und du kommst überall durch. Stimmt aber nicht. Auf nassem Gras helfen sie null, auf Fels sind sie sogar gefährlich weil rutschig, und im weichen Nachmittagsschnee bringen sie auch nicht viel. Steigeisen sind Spezialwerkzeug für eine ganz bestimmte Situation: harter Schnee und Eis in steilem Gelände.
Wann pack ich die Dinger überhaupt ein?
Das entscheidet sich nicht morgens beim Frühstück, sondern schon bei der Tourenplanung. Ein paar Faustregeln, die sich bei mir bewährt haben:
Im Frühsommer, also Mai und Juni, nehm ich Steigeisen auf fast jeder Tour über 2.500 Meter mit. Da liegt einfach noch zu viel Schnee, vor allem auf der Nordseite. Die Rinnen und Mulden sind morgens oft beinhart gefroren.
Im Hochsommer, Juli und August, wird's entspannter. Unter 3.000 Meter brauchst du meistens keine. Aber sobald ein Gletscher auf der Route ist oder die Tour durch eine Nordwand führt – einpacken.
Im Herbst wird's wieder kritisch. Früher Schnee, kalte Nächte, gefrorene Altschneereste. Ab September hab ich die Eisen wieder standardmäßig dabei, sobald's über 2.500 Meter geht.
Dann natürlich das Gelände. Gletscher bedeutet immer Steigeisen mitnehmen. Auch wenn die Oberfläche harmlos aussieht – drunter ist oft blankes Eis. Nordseitige Rinnen sind ebenfalls heikel, da hält sich der Schnee am längsten und wird oft spiegelglatt. Und selbst auf Graten über 3.000 Meter kann's im Sommer vereiste Stellen geben, besonders nach kalten Nächten.
Was auch hilft: Schau dir die Tourenberichte der letzten Tage an. Auf bergfex oder alpenvereinaktiv schreiben Leute meistens dazu, wie die Verhältnisse waren. Das ist Gold wert.
Der eigentliche Knackpunkt: Wann zieh ich sie an?
Hier passieren die meisten Fehler. Und ich nehm mich da selbst nicht aus – hab das früher auch falsch gemacht.
Die Sache ist die: Viele warten zu lange. Sie stehen dann mitten im Steilhang, merken dass es rutschig wird, und versuchen die Steigeisen anzulegen während sie sich mit einer Hand am Pickel festkrallen. Das ist Stress pur und gefährlich.
Meine Regel heute: Ich leg die Steigeisen an, bevor ich sie brauche. Sobald ich ein steiles oder hartes Schneefeld vor mir sehe, such ich mir einen flachen Platz davor und zieh die Dinger an. Dauert zwei Minuten. Diese zwei Minuten können einen Riesenunterschied machen.
Woran erkennst du, dass es soweit ist? Wenn deine Tritte anfangen wegzurutschen. Wenn die Schneeoberfläche glänzt wie poliert. Wenn die Neigung über 25, 30 Grad geht und der Schnee hart ist. Oder wenn unter dir Gelände ist, wo du bei einem Ausrutscher nicht mehr zum Stehen kommen würdest.
Ganz wichtig auch: Morgens ist der Firn oft bretthart, nachmittags dann weich und sulzig. Die beste Zeit für Steigeisen ist also früh – da greifen sie perfekt. Am Nachmittag, wenn du knietief einsinkst, bringen sie wenig.
Wieder ausziehen nicht vergessen
Genauso wichtig wie das Anlegen ist das Ausziehen. Steigeisen auf Fels sind tückisch. Die Zacken finden auf glattem Fels keinen Halt, du rutschst damit leichter ab als mit normalen Sohlen. Und die Stolpergefahr ist enorm – du bleibst mit den Zacken irgendwo hängen und liegst auf der Nase.
Sobald längere Felspassagen kommen, also abnehmen. Auch wenn danach vielleicht nochmal Schnee kommt. Lieber einmal mehr wechseln als einmal zu wenig.
Wie du damit gehst
Ein bisschen Technik gehört schon dazu. Beim normalen Gehen im flachen bis mäßig steilen Gelände setzt du alle Zacken gleichzeitig auf. Wichtig: Breitbeiniger gehen als sonst, damit du nicht mit den Innenzacken am anderen Bein hängenbleibst. Das ist ein Klassiker, der zu üblen Stürzen führen kann.
Im steilen Aufstieg trittst du mit den Frontzacken ins Eis, die Ferse hängt dabei leicht nach unten. Das geht auf die Waden, aber im steilen Eis führt kein Weg dran vorbei.
Beim Abstieg gehst du leicht in die Knie und hältst das Gewicht über den Füßen. Nicht nach hinten lehnen, das ist der natürliche Reflex, aber genau der falsche.
Die Fehler, die ich immer wieder sehe
Der häufigste: Zu spät anlegen. Hatten wir schon.
Nummer zwei: Die Steigeisen passen nicht richtig zum Schuh. Dann sitzen sie locker, rutschen oder drücken. Das musst du zu Hause ausprobieren und einstellen, nicht am Berg.
Nummer drei: Mit Steigeisen über Felsplatten eiern. Manche unterschätzen das total. Auf glattem Fels haben die Zacken keinen Halt und können sogar schlechter sein als normale Sohlen.
Nummer vier: In der Hose hängenbleiben und stolpern. Gamaschen helfen, oder eng anliegende Hosenbeine.
Und Nummer fünf: Steigeisen mitnehmen, aber den Pickel vergessen. Die beiden gehören zusammen. Mit Steigeisen allein bist du im steilen Eis nur halb so sicher.
Welche Steigeisen für was?
Kurz zusammengefasst:
Grödel, also diese kleinen Leichtsteigeisen mit vier bis sechs Zacken, sind für moderate Touren mit Altschneefeldern. Leicht, schnell dran, aber nichts für steiles Eis oder Gletscher.
Normale Steigeisen mit zehn oder zwölf Zacken sind der Allrounder für Hochtouren und Gletscher. Die haben die meisten Bergsteiger.
Technische Steigeisen mit aggressiven Frontzacken brauchst du fürs Eisklettern und steile Nordwände. Für normale Hochtouren überdimensioniert.
Meine persönliche Checkliste
Bevor ich losgehe, geh ich kurz diese Punkte durch:
Geht die Tour über 2.500 Meter? Im Frühsommer und Herbst schon über 2.000 Meter?
Sind Gletscher, Firnfelder oder steile Schneerinnen auf der Route?
Gab es Neuschnee oder Frost in den letzten Tagen?
Führt die Route durch nordseitige Hänge?
Was sagen die aktuellen Tourenberichte?
Gibt es absturzgefährdetes Gelände?
Wenn ich eine davon mit Ja oder Vielleicht beantworte, kommen die Steigeisen mit. Das Kilo Mehrgewicht ist mir lieber als das Risiko.
Zum Schluss
Steigeisen sind kein Hexenwerk. Aber sie erfordern ein bisschen Nachdenken – wann mitnehmen, wann anlegen, wann wieder ausziehen. Wer das beherzigt und die Grundtechnik draufhat, ist auf der sicheren Seite.
Was mir noch wichtig ist: Üb das Ganze in harmlosem Gelände, bevor du's am Berg brauchst.
Such dir ein flaches Firnfeld im Frühjahr und probier die verschiedenen Techniken aus.
Das gibt Sicherheit.
Übrigens: Wenn du deine Tour planst, schau vorher in die BergMate-App. Da siehst du die aktuelle Wetterentwicklung auf Gipfelhöhe, die Nullgradgrenze und kannst besser einschätzen, ob die Verhältnisse passen. Und falls doch mal was schiefgeht – mit dem Notfallbutton hast du alle wichtigen Nummern und deinen Standort sofort parat. Ich hab mir angewöhnt, vor jeder Tour kurz reinzuschauen. Dauert keine zwei Minuten und gibt einfach ein besseres Gefühl.
In diesem Sinne: Gute Touren und immer genug Grip unter den Sohlen!